Der Eismann
Corina Gamma, Schweiz, 2024o
Im August 2020 erschütterte die Nachricht vom tragischen Unfall des Schweizer Polarforschers Konrad Steffen die Öffentlichkeit und die wissenschaftliche Gemeinschaft weltweit. Koni kehrte von einem Routinegang zu einer Messstation auf dem grönländischen Eisschild nicht mehr zum Basislager, dem „Swiss Camp“, zurück. Sein rätselhaftes Verschwinden beschäftigt bis heute seine Freunde, wissenschaftlichen Weggefährten und seine Familie.
1990 baute der Schweizer Eisforscher Konrad Steffen, genannt Koni, im Norden Grönlands eine meteorologische Forschungsstation auf, die aus nicht mehr als ein paar verstärkten Zelten bestand. Anfänglich hielt er sich über lange Perioden dort auf, zuletzt seltener, trotzdem zog es ihn immer wieder an diesen unwirklichen Ort. Im August 2020 dann die tragische Nachricht: Koni ist verschwunden, wahrscheinlich verschluckt von einer Gletscherspalte in der Eisdecke, die er zeitlebens erforschte. Vom schmerzlichen Ereignis ausgehend, rollt die Regisseurin Corina Gamma das Wirken des international anerkannten Glaziologen auf. Zum ersten Mal traf sie ihn bereits 2011, dann 2015 beim Dreh eines ersten Films, später für ein Porträt, das nun ungewollt zu einem Vermächtnis geworden ist. Dem alten Filmmaterial, mischt sie solches bei, das von den Bewohnern des Camps selbst gedreht wurde, ausserdem Aufnahmen des erfahrenen Kameramanns Peter Indergand. Diese Heterogenität schadet dem Dokumentarfilm nicht, da er ohnehin das Interesse für eine wissenschaftliche Forschung mit jenem für eine menschliche Existenz mischt. Die unerbittliche Eislandschaft ist immer auch Hintergrund oder Spiegelbild innerer Zustände; sie zeigt dem Menschen Grenzen auf, fordert, lässt ihn aber auch zur Ruhe kommen. Etwas störend ist allerdings die forcierte Heldenbildung: Sicherlich begriff Steffen in der voranschreitenden Eisschmelze die Tragweite der Erderwärmung, lange bevor das Thema ein politischer und medialer Dauerbrenner wurde. Doch Bemerkungen wie jene, dass nur Koni bei zwanzig Grad unter Null draussen ohne Handschuhe arbeiten konnte, oder Sätze wie "Die Seele kennt die Geographie des Schicksals" verleihen dem Film hagiografische Untertöne, auf die man gern verzichtet hätte.
Till BrockmannGalerieo








