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Aquarela

Viktor Kossakovsky, Deutschland, GB, 2019o

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Der Russe Viktor Kossakovsky hat seit den 1990er Jahren schon etliche ungewöhnliche Dokumentarfilm-Projekte umgesetzt. Sein neuster Streich ist der Versuch, der Urgewalt des Wassers in all seinen Ausprägungen auf unserem Planeten filmisch gerecht zu werden. Vom Baikalsee über die Weltmeere und einen Tropensturm führt die Reise bis zu den Wasserfallwundern des Regenwalds, manchmal kommt dabei modernste Highspeed-Kameratechnik zum Einsatz, manchmal schaut Kossakovsky bloss gelassen dem seltsamen menschlichen Treiben am Wasser zu. In der Hektik des Kinoalltags fehlte für diesen kontemplativen Blick die Ruhe, jetzt ist die Zeit dafür da.

Victor Kossakovsky will in Aquarela weder trauern noch predigen. Er habe dem Wasser eine Stimme geben wollen, sagt der russische Regisseur. Das ist auf überwältigende Weise gelungen. Hätte das Element selbst ein Porträt von sich in Auftrag geben können, es sähe womöglich aus wie Aquarela. (Auszug)

Martina Knoben

Aquarela matches sincere, open-eyed curiosity about the wider world to awe-inspiring technical virtuosity in realizing it [...] Among its other virtues, Aquarela serves as a persuasive showcase for the sensory merits of high-frame-rate lensing. [...] Kossakovsky and his fellow cinematographer Ben Bernhard don’t merely rely on the technology to do all the startling, however, as they jointly compose their images with a keen eye for texture, color and contrast: There’s as much wonder here in the close-up ombré of blues on an iceberg’s underside as in the film’s more literally thundering setpieces. (Excerpt)

Guy Lodge

Si l’ambition expérimentale du film a de quoi sidérer, l’exploit de Kossakovsky est sans doute celui-ci : trouver une forme dramaturgique avec laquelle investir une matière primitive, dénuée de langage, pour articuler un récit dont la trame se limite ainsi aux surgissements de phénomènes sans auteur ni témoin.

Sandra Onana

Victor Kossakovsky célèbre l'eau sous toutes ses formes. Si Aquarela est aussi magnétique malgré son aridité, c’est précisément parce qu'il porte en lui la définition du film crépusculaire. C’est-à-dire celui qui a su fixer le moment où la beauté se meurt.

Ludovic Béot

Mais quand il filme les glaciers qui se disloquent et nous fait entendre le bruit de la mer qui tremble, Victor Kossakovsky réussit son pari de poème visuel, liquide et sensoriel, dédié au maître russe Sokurov.

Frédéric Strauss

Galerieo

Berliner Zeitung, 08.12.2019
© Alle Rechte vorbehalten Berliner Zeitung. Zur Verfügung gestellt von Berliner Zeitung Archiv
10.12.2019
Gurgeln, schäumen, knallen

Als hätte das Element Wasser einen Film über sich selbst bestellt: Aquarela von Viktor Kossakovsky ist ein wuchtiges sinnliches Erlebnis, in dem Menschen nicht so wichtig sind.

Von Martina Knoben

Fast könnte man das Ganze für einen Spaß halten. Männer laufen auf einem zugefrorenen See herum, sie schlittern auf dem Eis, einer bricht mit dem Fuß ein, später ein zweiter. Die anderen lachen über ihr Missgeschick. Langsam aber wird klar, was das für eine Apparatur ist, die sie aufbauen, wozu die Winde dient.

Die Männer versuchen, ein im See versunkenes Auto wieder an die Oberfläche zu holen. Es ist eine beklemmende Szene. Die noch beklemmender wird, als in der Ferne ein Auto näher kommt. "Stopp", schreit einer, "wieso fahrt ihr hier noch lang? Das Eis schmilzt schon." - "Normalerweise", sagt ein anderer, "schmilzt es drei Wochen später." Dann saust ein weiteres Auto heran und bricht vor laufender Kamera ein. Zwei Insassen stehen durchnässt auf dem Eis; ein dritter hat es nicht mehr rechtzeitig aus dem Wagen geschafft.

Ein besseres Bild für den Untergang der Zivilisation durch den Klimawandel kann es kaum geben. Dabei wirkt der Film seltsam ungerührt. Victor Kossakovsky will in Aquarela weder trauern noch predigen. Er habe dem Wasser eine Stimme geben wollen, sagt der russische Regisseur. Das ist auf überwältigende Weise gelungen. Hätte das Element selbst ein Porträt von sich in Auftrag geben können, es sähe womöglich aus wie Aquarela.

Einen Kommentar oder auch nur Erklärungen gibt es nicht in diesem Dokumentarfilm. Warum sollte es auch wichtig sein, wo eine Szene gedreht wurde? Wasser ist schließlich überall. Vom See, es ist der Baikalsee, aber das ist wie gesagt unbedeutend, führt die Reise ins ewige Eis. Brocken in Wohnblockgröße brechen ab, sinken ins Meer und tauchen als riesige Eisberge wie aus dem Nichts wieder aus dem Meer auf. Hier will man kein Schiffchen sein. Und doch schwimmt eines zwischen den weißen Bergen.

Wenn irgendwo Menschen auftauchen im Film, wirken sie klein und gefährdet. Mitleid hat Kossakovsky anscheinend nicht mit ihnen. Aquarela wurde mit der ungewöhnlichen Frequenz von 96 Bildern pro Sekunde gedreht, normal sind 24 oder 25. Das macht spektakuläre Aufnahmen möglich und sei wichtig gewesen, erklärt der Regisseur, "weil das Wasser fortlaufend ist". Er fotografiert seine Filme meist selbst (etwa Vivan las Antipodas!), für Aquarela führten er und Ben Bernhard die Kamera. "Die 96 Bilder pro Sekunde ermöglichen es, einen einzelnen Regentropfen auf eine unübersehbare Weise einzufangen ... In 96 Bildern pro Sekunde kann man die Kamera wenige Zentimeter vor einer Eisschicht platzieren, sie extrem schnell bewegen, und es wird sich weder holprig anfühlen, noch wird Flackern zu sehen sein. Stattdessen werden die Zuschauer das Gefühl haben, als würden sie hoch über dem Eis fliegen." Es sind diese Bilder, die Kossakovsky faszinieren, jenseits von politischen Strategien, von Vorwürfen und Verantwortung.

Als Naturerzählung ist das ungefähr so nett und gefällig wie die Offenbarung des Johannes

Der Film folgt dem Wasser in seine Aggregatzustände, vom Eis auf die hohe See. Wellen prügeln eine Yacht. Da ist kein Horizont, im nächtlichen Wogen gibt es keinen festen Punkt. Das Wasser ist zum Fürchten schön. Aquarela ist Überwältigungskino, der Film ein unmittelbar körperliches Erlebnis, der Adrenalinausstoß macht jedem Blockbuster Konkurrenz. Das liegt auch am Soundtrack, der fast unerträglich intensiv ist. Da hat ein Mischmeister seine Pegel kräftig hochgedreht. Es gurgelt und schäumt, Wellen brechen, rollen oder knallen, dazu pfeift oder brüllt der Wind. Das Holz der Yacht knarzt, als würde sie gleich auseinanderbrechen. Dann fällt Graupel auf die aufgewühlte See, ein leiser Moment. Das entzieht sich der Analyse, ist Bild und Klang und Rhythmus, ganz sinnlich. Das Geräusch des Graupels geht fast unmerklich über in die Musik des finnischen Komponisten und Cellisten Eicca Toppinen und seines Quartetts Apocalyptica, die den Film begleitet. Symphonischer Heavy Metal ist das, rau und heftig und sehr aufwühlend.

Als Naturerzählung ist Aquarela ungefähr so nett und gefällig wie die Offenbarung des Johannes. Wenn eine Monsterwelle in Zeitlupe niedergeht mit brechendem Kamm, meint man Gott ins Angesicht zu sehen. Und ist nicht auch die Perspektive oberhalb des Mastes der Yacht auf das Meer ein quasi göttlicher Blick?

Der Kreislauf des Wassers führt den Film schließlich nach Florida, wo ein Hurrikan die Straßen entvölkert, Palmen geknickt und den Friedhof unter Wasser gesetzt hat. Vögel waten zwischen den Grabsteinen und schnappen nach Fischen. So wird das aussehen, wenn der Mensch einmal nicht mehr ist. Für die Sakralisierung der Natur, vor allem aber für die Teilnahmslosigkeit, mit der er auf die Menschen blickt, ist Kossakovsky heftig kritisiert worden. Aber seine Perspektive, die von "Wasser", ist natürlich fiktiv. Geredet und aufgeklärt über den Klimawandel wurde außerdem schon viel. Aquarela muss nicht noch weiter erklären oder argumentieren. Der Film ist eine Attacke auf unser Angstzentrum: damit wir endlich fühlen, was wir angesichts der Fakten längst empfinden sollten.

© Alle Rechte vorbehalten Süddeutsche Zeitung. Zur Verfügung gestellt von Süddeutsche Zeitung Archiv
Slant Magazine, 11.08.2019
© Alle Rechte vorbehalten Slant Magazine. Zur Verfügung gestellt von Slant Magazine Archiv
Indiewire, 14.08.2019
© Alle Rechte vorbehalten Indiewire. Zur Verfügung gestellt von Indiewire Archiv
Creative Planet, 22.01.2020
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Vox, 26.08.2019
© Alle Rechte vorbehalten Vox. Zur Verfügung gestellt von Vox Archiv
Victor Kossakovsky: The 1st Rule of Filmmaking (Masterclass)
Victor Kossakovsky / IDFA
en / 24.05.2011 / 8‘51‘‘

Über die Entstehung der Meeresströmungen
/ ARD
de / 30.09.2016 / 4‘20‘‘

Schätze der Welt: Der Baikalsee
/ SWR
de / 31.05.2016 / 14‘45‘‘

The History of Frame Rate for Film
/ Filmmaker IQ
en / 01.02.2015 / 15‘20‘‘

Filmdateno

Genre
Dokumentarfilm
Länge
90 Min.
Originalsprachen
Englisch, Spanisch, Russisch
Bewertungen
cccccccccc
ØIhre Bewertung6.6/10
IMDB-User:
6.6 (1014)
Cinefile-User:
< 10 Stimmen
KritikerInnen:
< 3 Stimmen q

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gGeschrieben
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"Aquarela": Inside the Most Dangerous Documentary Ever Made
Indiewire / Anne Thompson
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Creative Planet / Jennifer Wolfe
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Interview with director Victor Kossakovsky
Vox / Alissa Wilkinson
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