Kontinental '25
Radu Jude, Rumänien, 2025o
In Cluj, der Hauptstadt Transsylvaniens, arbeitet die zur ungarischen Minderheit gehörende Orsolya als Gerichtsvollzieherin. Als sie in einem Haus, das einem Luxushotel weichen soll, eine Zwangsräumung durchführen muss, findet vor ihren Augen eine Tragödie statt. Von Schuldgefühlen gequält, sagt sie kurzerhand den lang geplanten Urlaub mit ihrer Familie ab und sucht das Gespräch mit verschiedenen Leuten. Doch weder ihr Ehemann, ihre beste Freundin, das überraschende Treffen mit einem ihrer ehemaligen Studenten, noch die Beichte bei einem orthodoxen Priester können Orsolyas moralisches Dilemma auflösen.
In Filmkreisen längst als Enfant terrible des neuen rumänischen Kinos gefeiert, wurde Radu Jude auch einem (etwas) breiteren Publikum kürzlich mit Bad Luck Banging or Loony Porn und Don't Expect too Much from the End of the World bekannt, zwei bissigen Satiren über die rumänische Gesellschaft in Zeiten des ungezügelten Neoliberalismus und der Popularisierung rechtsextremer Diskurse. Kontinental '25 schlägt in die gleiche Kerbe: Wie in den beiden genannten Filmen leidet eine Frau unter einem reaktionären Klima, gegen das sie sich zu wehren versucht. Orsolya, eine Gerichtsvollzieherin mit grossem Herzen, setzt sich dafür ein, dass die Zwangsräumung eines Abrissobjekts, in dem sich ein Obdachloser verschanzt hat, möglichst lang hinausgezögert wird. In den zwanzig Minuten, die sie dem Mann zum Zusammenpacken seiner Sachen einräumt, begeht er Selbstmord. Obwohl Orsolya aus juristischer Sicht unschuldig ist, fühlt sie sich für den Tod des Obdachlosen verantwortlich. Der Film begleitet sie während dieser moralischen Krise, in der sie auf Familienferien verzichtet und auf unterschiedliche Weise nach einer Antwort auf oder einem Ausweg aus den Fragen sucht, die sie umtreiben: von einem Gespräch mit einem orthodoxen Priester bis hin zu einer Affäre mit einem ehemaligen Studenten. Wie stets ist Radu Judes frecher Witz beglückend. So wird man die Szene nicht so schnell vergessen, in der sich eine Freundin von Orsolya über die Verpestung ihrer Strasse durch die Exkremente eines Obdachlosen beschwert, bevor sie ihr Engagement für eine NGO lobt. Man bedauert höchstens den rasanten Schaffensrhythmus des Regisseurs. Er zeigt sich bei dieser linearen, aber auch lockeren Erzählstruktur in einigen Szenen, die sich in die Länge ziehen. Auch so aber bleibt Jude der anregendste anarchische Regisseur unserer Zeit.
Émilien Gür
