L'engloutie
Louise Hémon, Frankreich, 2025o
Im Winter 1899 kommt die junge Lehrerin Aimée in einem Weiler in den Hautes-Alpes an. Von den Einheimischen argwöhnisch beobachtet, beginnt sie Licht in deren dunkle Glaubensvorstellungen zu bringen. Doch während sie sich in das Leben der Gemeinschaft einfügt, verfällt sie selbst einem Gefühl sinnlicher Verwirrung und fängt eine Affäre mit einem Jungen aus dem Weiler an. Als der Junge verschwindet, gehen die Meinungen auseinander, was passiert ist.
Es gab und gibt im Kino derart viel Konventionelles, dass man sich schon freut, wenn man einen Film nicht innert zehn Minuten einordnen kann. Das Kinodebüt der 42jährigen Französin Louise Hémon, die auch schon innovative Tanz- und Musikvideos inszeniert hat, wartet mit so einer sperrigen, atmosphärisch geladenen, mehrfach überraschenden Erzählung über eine junge Lehrerin in einem verschneiten Bergdorf von 1899 auf. Fürchtet man zunächst noch, dass sie uns bloss zum xten Mal gut gemeintes Aufklärertum auf verlorenem Posten vorführen werde, später allenfalls, dass sie sich in der fantasievollen Nachinszenierung archaischer Dialekte und Bräuche erschöpfen könnte, so nimmt der Film nach vierzig Minuten einen anderen Lauf: Die wilde Neujahrsnacht von 1900 bringt die Lehrerin mit den Dörflern zum Tanzen, zum Mittun bei einem eigenartigen Trinkritual, schliesslich ins Bett mit einem der Jungen, den man kurz zuvor noch mit einem Gefährten in einer dunklen Höhle schwer schnaufen gehört hat. Mit andern Worten: Die junge Frau wird von der alten Zeit der Naturgewalten und der Mythen, mit der sie aufräumen wollte, zunehmend vereinnahmt. Doch auch das stimmt so nicht ganz. Als ihr knabenhafte Liebhaber schon am Morgen danach verschwindet und bald unter einer Lawine, bald in Algerien vermutet wird, beargwöhnen die Einheimischen die Zugewanderte gleich wieder. So geht es unabsehbar hin und her: mit nächtlichem Chiaroscuro, vernebelten Landschaften, mystischem Raunen, unbekümmerten Wetterwechseln von Schnitt zu Schnitt und einer Heldin, die Gouvernante der Aufklärung und sinnliche Sirene zugleich ist. Dies alles zu einem Soundtrack, dem Urchiges, Avantgardistisches und jedes Instrument recht ist, wenn es der Stimmung dient. Ennio Morricone hätte seine Freude daran gehabt.
Andreas FurlerGalerieo
