r Das unendliche Jetzt
Kaspar Kasics, Schweiz, 2026o
Was passiert mit Menschen, die an Demenz erkranken? Und was, wenn sie sich dessen bewusst werden? Der Dokumentarfilm wagt den Schritt ins Unbekannte: Vier Betroffene improvisieren zusammen mit einer Schauspielerin und einem Schauspieler szenisch über ihre Situation. Jeder Satz, jedes Wort, jede Bewegung entstand im Moment des Drehs. Die Beteiligten zeigen, was sie bewegt, was sie empfinden und worüber sie lachen.
Je älter wir Menschen werden, desto mehr wird die Demenz zu einem Fluch unserer Zeit. Unheimlich schleichend befällt sie das Gedächtnis und Denken, bringt die Betroffenen zuerst um Namen und Worte, dann um Erinnerungen und den mühelosen Fluss der Gedanken, schliesslich, so scheint es, um ihre Persönlichkeit. Unbesiegt, hält uns die Krankheit den Spiegel vor: Wozu all der rasende Fortschritt, wenn die gewonnen Jahre im Dämmerzustand dahingehen? Es erstaunt deshalb nicht, dass sich auch die Spiel- und Dokumentarfilme über Demenz häufen. Der Zürcher Dokumentarist Kaspar Kascics (Erica Jong – Breaking the Wall) hat sich eine eigene Versuchsanordnung zum Thema ausgedacht: Vier demenzbetroffene Männer und Frauen treffen sich in einem Proberaum mit Bar, Sofa, Kostümen und spielen in freier Improvisation Szenen, die mit ihrer Situation zu tun haben. Dabei werden sie von Profischauspieler:innen begleitet und ein Stück weit geleitet. Kasics konnte dieses Projekt nur mit Mühe finanzieren, und man begreift einen Vorbehalt der Fördergremien: Warum sollen gerade Leute, die durch ihre Einschränkungen ohnehin exponiert sind, «theäterlen»? Werden sie dabei nicht voyeuristisch ausgestellt? Der fertiggestellte Film räumt nicht sämtliche Bedenken aus, einzelne Improvisationen laufen ins Leere. Doch in anderen Momenten wird die Idee schlagend klar: Die Protagonist:innen erzählen nicht einfach von ihren Problemen und Sorgen, sondern nehmen diese als Spielmaterial und können sich so auch schützen von ungefilterter Selbstpreisgabe. Besonders schön gelingt dies in einer Szene, in dem einer der Profis fliegend den Part des Sohnes einer «Patientin» übernimmt und diese durch das Rollenspiel unwillkürlich begreift, dass sie schlicht körperliche Berührungen vermisst. Derlei Bewusstwerdung ist in Kasics’ spielerischer Anlage möglich, weil die Betroffenen alle im Frühstadium der Erkrankung sind, wo sie sich erst punktuell manifestiert. Wird es irgendwann einen Folgefilm geben? Man weiss nicht, ob man ihn sehen wollen würde. Das unendliche Jetzt funktioniert vielleicht gerade deshalb, weil der Film das Drastische ausklammert und ein beklemmendes Thema über eine spielerische Form zugänglich macht.
Andreas Furler
